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So weit ist die Schweiz mit dem Impfen

Wie hoch sind die Impfquoten in den Kantonen und weltweit? Wie lange dauert es noch, bis alle geschützt sind? Wann treffen die nächsten Dosen von den Herstellern ein? Die Übersicht.

Yannick Wiget, Mathias Lutz, Patrick Vögeli, Marc Brupbacher
Aktualisiert am 23. Februar 2020

Die Corona-Massenimpfung in der Schweiz kommt nur langsam voran. Zwar haben mit Biontech/Pfizer und Moderna zwei Hersteller die Zulassung für ihr Vakzin erhalten. Geliefert haben sie dem Bund aber erst 884’025 Dosen. Und von diesen wurden bis jetzt gut 673’000 verabreicht, also drei Viertel.

673'744
Impfdosen
wurden in der Schweiz bereits verabreicht.

Die erhaltenen Dosen reichen theoretisch für 442’000 Personen. Denn von beiden Vakzinen braucht es zwei Injektionen für eine Immunisierung. Somit kann die Schweiz erst 6,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung abdecken – ein Wert, der noch nicht einmal erreicht wurde. Unsere Übersicht zeigt, wie weit die Impfaktion fortgeschritten ist:

Welcher Anteil der Bevölkerung wurde schon geimpft?

Gemäss Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) wurden bis zum 23. Februar landesweit 673’744 Dosen gegen das Coronavirus verabreicht. Knapp 328’000 Personen und damit 3,8 Prozent der Bevölkerung haben bisher eine Dosis erhalten. Fast 173’000 respektive 2 Prozent der Menschen in der Schweiz sind doppelt und damit vollständig geimpft.

Anteil geimpfter Personen der Schweizer Bevölkerung
vollständig: 2%
einfach: 3,8%
ungeimpft: 94,2%
Quelle: BAG

Es ist aber gar nicht das Ziel des Bundes, die ganze Bevölkerung zu impfen, sondern nur so viele Erwachsene wie möglich. Als besonders gefährdet gelten Menschen über 65 Jahre und solche mit Vorerkrankungen. Innerhalb dieser Risikogruppe musste der Bund eine weitere Priorisierung vornehmen, weil in einer ersten Phase nicht genügend Dosen für alle verfügbar sind. Gemäss der Schweizer Impfstrategie wird in dieser Reihenfolge geimpft:

  1. Personen ab 75 Jahren und solche mit chronischen Krankheiten mit höchstem Risiko (unabhängig vom Alter), Bewohner und Personal in Alters- und Pflegeheimen
  2. Personen zwischen 65 bis 74 Jahren und solche unter 65 Jahren mit chronischen Krankheiten
  3. Gesundheitspersonal mit Patientenkontakt, Betreuungspersonal von besonders gefährdeten Personen
  4. Enge Kontakte (Haushaltsmitglieder, betreuende Angehörige) von besonders gefährdeten Personen
  5. Personen in Gemeinschaftseinrichtungen mit erhöhtem Infektions- und Ausbruchsrisiko (z.B. Behindertenheime)

Erst nach diesen priorisierten Gruppen sollen die Vakzine dann allen anderen Erwachsenen zur Verfügung stehen, die sich impfen lassen möchten. Insgesamt gibt es knapp 7,1 Millionen Erwachsene in der Schweiz. Von diesen sind bislang 4,6 Prozent einfach und 2,4 Prozent doppelt und damit vollständig geimpft.

Anteil geimpfter Personen aller Schweizer Erwachsenen
vollständig: 2,4%
einfach: 4,6%
ungeimpft: 93%
Quelle: BAG

Schwangere, Kinder und Jugendliche gehören nicht zu den Zielgruppen der Impfstrategie, da für sie noch keine ausreichenden Studiendaten zur Wirkung der verwendeten Vakzine vorliegen. Der Impfstoff von Biontech ist theoretisch ab 16 Jahren zugelassen, derjenige von Moderna ab 18 Jahren.

Wie hoch ist die Impfquote in den Kantonen?

Das BAG liefert zweimal pro Woche eine Übersicht zur Lage. Die Zahlen zeigen, dass es grosse Unterschiede im Tempo gibt: So hat Appenzell Innerrhoden pro 100 Einwohner schon mehr als 13 Dosen verabreicht, Zürich, Aargau und Bern nur gut halb so viele.

Für die Abweichungen gibt es verschiedene Gründe: Erstens scheinen Kantone mit kleinerer Bevölkerung wirklich schneller voranzukommen. Zweitens werden unterschiedliche Strategien verfolgt: Ein paar Kantone verabreichen die verfügbaren Dosen so vielen Personen wie möglich, damit der Anteil einfach Geimpfter schnell steigt. Andere teilen sich die Dosen so ein, dass möglichst viele Menschen gleich doppelt und damit vollständig geimpft sind.

Zur Sicherstellung der Zweitimpfung haben Kantone sogar schon Dosen ausgetauscht, was die Statistik ein wenig verzerrt. Bis jetzt gehören Appenzell Innerrhoden und Schaffhausen zu den Impf-Turbos. Bern hat hingegen erst 60 Prozent der verfügbaren Dosen verimpft.

Bei der Verteilung der Dosen richtet sich der Bund nach der Zahl der besonders gefährdeten Personen. Kantone, die einen höheren Anteil an über 65-Jährigen und Personen mit chronischen Krankheiten aufweisen, erhalten also mehr Dosen.

Die Impfstoffe werden in einer Mehrfachdosis-Durchstechflasche ausgeliefert. Pro Flasche von Biontech sind 5 Impfungen vorgesehen, bei Moderna 10. Es ist laut der Arzneimittelbehörde Swiss­medic aber auch möglich, bei sorgfältiger Handhabung 6 beziehungsweise 11 Dosen daraus zu entnehmen. Einige Kantone machen davon Gebrauch und verimpfen dann mehr, als sie eigentlich erhalten haben.

Wie schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich ab?

Die Schweiz hat bis jetzt 7,8 Dosen pro 100 Einwohner verimpft. Im internationalen Vergleich steht sie damit gut da. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Ländern teils klein. Nur die Impf-Turbos auf den vordersten Plätzen sind deutlich weiter als der Rest. Zudem schneidet die Schweiz weniger gut ab, wenn man den Anteil der vollständig Geimpften als Vergleichswert nimmt.

Mit Abstand am schnellsten ist Israel unterwegs, das schon 87 Dosen pro 100 Einwohner verabreicht hat – elf Mal so viel wie die Schweiz. Über 35 Prozent der Bevölkerung wurden sogar schon vollständig geimpft (lesen Sie hier mehr über die Gründe des israelischen Erfolgs).

Ein Grund für das rasante Tempo ist die gute Vorbereitung. Israel gehört zu den Ländern, die am meisten Impfstoffdosen gekauft oder vorbestellt haben. Theoretisch wären bald genügend Vakzine vorhanden, um die Hälfte der Weltbevölkerung zu immunisieren. Doch die reichen Industrienationen haben sich auf Kosten der Entwicklungsländer das grösste Stück vom Kuchen gesichert.

Wie viel Impfstoff steht überhaupt zur Verfügung?

Der Bund hat mit fünf Herstellern Verträge für 32,8 Millionen Impfstoffdosen abgeschlossen. Weil in der Regel zwei Dosen pro Person nötig sind, reichen die Bestellungen für 16,4 Millionen Menschen. Wie gesagt sollen nur die 7,1 Millionen Erwachsenen in der Schweiz geimpft werden. Es wurden also mehr als genügend Vakzine bestellt.

Zum Problem könnten aber Verzögerungen werden, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben. Von den bisherigen Lieferungen sind einige nicht fristgerecht erfolgt oder kleiner ausgefallen als angekündigt. Zugelassene Impfstoffe werden von den Herstellern nicht auf einmal, sondern nach Verfügbarkeit und etappenweise in die Schweiz geliefert. Bisher hat der Bund insgesamt 884’025 Dosen von Biontech und Moderna erhalten. Das sind erst 2,7 Prozent aller Bestellungen.

So viele der bestellten Dosen hat die Schweiz schon erhalten

Biontech/Pfizer (DE/US): 3 Mio. Dosen bestellt
erhalten: 12,2%
ausstehend: 87,8%
Quelle: BAG
Moderna (US): 13,5 Mio. Dosen bestellt
erhalten: 3,3%
ausstehend: 96,7%
Quelle: BAG
Astra-Zeneca (GB/SE): 5,3 Mio. Dosen bestellt
ausstehend: 100%
Quelle: BAG
Novavax (US): 6 Mio. Dosen bestellt
ausstehend: 100%
Quelle: BAG
Curevac (DE): 5 Mio. Dosen bestellt
ausstehend: 100%
Quelle: BAG

Die Vakzine der Hersteller Astra-Zeneca, Novavax und Curevac haben noch keine Zulassung erhalten. Zumindest von den beiden Letzteren dürften ab Mai ebenfalls Dosen kommen, wie der Lieferplan des Bundes zeigt (mehr dazu weiter unten).

Die Armee nimmt die Impfstoffe entgegen, lagert sie in ihren geschützten Anlagen und verteilt sie anschliessend an die Kantone. Diese Anlieferung erfolgt kurzfristig, weil die Dosen nur für eine bestimmte Zeit aufbewahrt werden können. Der Biontech-Impfstoff muss bei minus 75 Grad lagern und kann anschliessend während maximal fünf Tagen im Kühlschrank deponiert werden. Das Vakzin von Moderna ist stabiler: Er wird bei minus 20 Grad gelagert und ist danach für 30 Tage bei Kühlschranktemperaturen haltbar.

Mit einem weiteren Hersteller, Johnson & Johnson, ist das BAG derzeit noch am verhandeln. Zusätzlich hat sich die Schweiz 3 Millionen Impfdosen über die Impfallianz Covax gesichert, die unter der Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für eine faire globale Verteilung sorgen will. Hier rechnet das BAG jedoch nicht mit einer baldigen Lieferung.

Wie viele wollen sich überhaupt impfen lassen?

Die Menge des Impfstoffs ist das eine, das andere ist die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Eine Umfrage der Universität Zürich zeigt, dass sich aktuell 62 Prozent der Einwohner in der Schweiz «wahrscheinlich» oder «sehr wahrscheinlich» immunisieren lassen wollen (inklusive den bereits Geimpften). 24 Prozent schliessen eine Impfung eher beziehungsweise sicher aus. Der Rest, knapp 14 Prozent der Bevölkerung, ist noch unentschlossen.

Die Verteilung der drei Gruppen blieb nach Anfang der Messung im September 2020 relativ lange konstant. Seit die Arzneimittelbehörde Swiss­medic Ende Dezember (Woche 52) den Impfstoff der Firma Biontech zugelassen hat, ist der Anteil der Impfwilligen aber gestiegen.

Nach Geschlecht und Alter gibt es Unterschiede: Zum einen wollen sich wesentlich mehr Männer immunisieren lassen als Frauen. Zum anderen sind Personen über 50 Jahre deutlich impfbereiter als jüngere Altersgruppen. Damit so viele Menschen mitmachen wie möglich, fährt der Bund eine gross angelegte Kampagne. Ein Informationsportal des BAG gibt Auskunft über Fragen, die sich rund um die Impfung ergeben. Zudem gibt es eine nationale Hotline (058 377 88 92).

Wie lange geht es, bis alle (Freiwilligen) geimpft sind?

Das wird noch Monate dauern und ist abhängig von mehreren Faktoren: Erstens von der Menge der verfügbaren Dosen, zweitens von der Umsetzung in den Kantonen und drittens von der Bereitschaft der Bevölkerung mitzumachen. Das ursprüngliche Ziel des Bundes war es, bis zum Frühling die Risikopersonen und bis zum Sommer alle Freiwilligen zu impfen.

Gemäss dem Impfstoff-Lieferplan könnte das aufgehen. Die beiden Hersteller Biontech und Moderna werden bis Ende April zusammen gut 3,5 Millionen Dosen in die Schweiz liefern – was bei doppelter Impfung für drei Viertel der über 65-Jährigen und chronisch Kranken reicht. Der Bund geht von einer hohen Impfbereitschaft von 75 Prozent aus. Damit wären bis Ende April alle Freiwilligen der Risikogruppe abgedeckt.

Voraussichtliche Lieferungen der Impfstoffe

Ab Mai soll der Rest der Bevölkerung zum Zug kommen. Dann werden grössere Mengen geliefert, auch von Curevac und Novavax. Nicht berücksichtigt wird in der Planung das Vakzin von Astra-Zeneca, dessen Zulassung vermutlich erst im März erfolgen wird. Der Bund überlegt sich gar, die bestellten Dosen des britisch-schwedischen Herstellers weiterzuverkaufen.

Laufen die anderen Lieferungen nach Plan, kommen von Mai bis Juli trotzdem mehr als 8 Millionen Dosen, genug für weitere 4 Millionen Menschen. Abzüglich der Risikogruppe gibt es in der Schweiz zwar 4,7 Millionen Erwachsene. Doch bei einer Impfbereitschaft von 75 Prozent sind es nur noch 3,5 Millionen. Bis Ende Juli sollten also genügend Dosen für alle verfügbar sein – unklar ist natürlich, wie schnell die Kantone dann diese Menge verimpfen können.

Anteil der geimpften Impfwilligen
vollständig: 3,3%
einfach: 6,2%
ungeimpft: 90,5%
Quelle: BAG

Wenn man annimmt, dass sich auch alle Personen impfen lassen, die laut Umfrage derzeit noch unentschlossen sind, kommt man wirklich auf 75 Prozent. Das entspricht gut 5,3 Millionen Menschen in der Schweiz. Von dieser Anzahl sind bis jetzt 6,2 Prozent einfach und 3,3 Prozent doppelt und damit vollständig geimpft worden. Das heisst: Fast jeder zehnte Impfwillige hat immerhin schon mindestens eine Dosis bekommen.

Worauf wir uns aber bereits einstellen können, sind mögliche Auffrischungsimpfungen ab Herbst oder ab dem nächsten Jahr. Der Bund geht davon aus, dass wie bei der Grippe auch gegen Covid eine jährliche Impfung nötig sein wird, um gegen mutierte Varianten immun zu sein.

Wie viele Menschen müssen sich für eine Herdenimmunität impfen lassen?

Das ist noch nicht klar. Bisher gingen die Expertinnen und Experten davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung impfen lassen müssten, um eine Corona-Herdenimmunität zu erreichen. Das bedeutet, dass sich das Virus nicht mehr weiterverbreiten kann, wenn die Mehrzahl der Menschen, auf die es trifft, immun ist.

Dieser Wert basiert auf verschiedenen Annahmen. Eine davon ist, dass eine Impfung nicht nur die geimpfte Person vor einer Covid-Erkrankung schützt, sondern zusätzlich auch die Übertragung des Virus verhindert. Letzteres ist aber noch nicht klar. Zudem gehen die Fachleute bis jetzt davon aus, dass eine mit Sars-CoV-2 infizierte Person nicht mehr als drei weitere ansteckt. In dem Fall sollte es reichen, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sind.

Sollte sich das Virus allerdings so verändern, dass es ansteckender wird, müssten sich wohl noch mehr Menschen impfen lassen, um diese Varianten in Schach zu halten. Das könnte bereits bei den mutierten Coronaviren der Fall sein, die in Grossbritannien (B1.1.7) und Südafrika (501.V2) entdeckt wurden und sich auch schon in der Schweiz festgesetzt haben.