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Neuer Lesestoff

Die besten Bücher des Monats

Hier finden Sie den gut sortierten Lesestoff, den unsere Literaturredaktion empfiehlt.

Kulturredaktion
Aktualisiert am 20. September 2022

Propofol

Corinna T. Sievers. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2022.
Roman
Foto: Flavio Karrer
Solch ein Widerling ist uns schon lange in keinem Roman mehr begegnet: Bernard Rohr ist Chefchirurg an einer Berliner Kinderklinik, doch die Gedanken des bald pensionierten Arztes drehen sich ständig um Analsex, seine abnehmende Potenz und die Körbchengrösse von teilweise blutjungen Krankenschwestern. Nicht zuletzt ist er abhängig von Propofol, das bei richtiger Dosierung angstfrei und euphorisch macht, bei einer Übermedikation aber, wir erinnern uns an Michael Jackson, tödlich wirken kann. Ein alter, weisser und ekelhafter Kerl ist er also – dass man trotz aller Abscheu weiterliest, liegt am roten Faden: Es geht nämlich um eine höchst komplexe Trennung zweier siamesischer Zwillinge, die Rohr als Krönung seiner Karriere vollbringen will. Würden sie jahrelang weiterleben, falls man nichts unternimmt? Welches Kind soll sterben, falls man während der OP entscheiden muss? Im Buch von Corinna T. Sievers werden nicht nur komplexe ethische Fragen durchgespielt, sondern es wird auch eine Menge medizinisches Fachwissen eingeflochten. Ja, die Hauptfigur ist ein Dreckskerl, die Lektüre aber höchst empfehlenswert. (boe)
Leserbewertung
ø 3.0
(15 Bewertungen)
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Wellen

Heinz Helle. Suhrkamp, Berlin, 2022.
Roman
Foto: Gaetan Bally
Er ist Vater, Mann und Schriftsteller. Und mit diesem autofiktionalen Roman von Heinz Helle liegt endlich die männliche Perspektive auf die Themen von Care-Arbeit, der prekären Arbeit des Schreibens und die Auseinandersetzung zwischen Vaterschaft und Männlichkeit vor. Helle legt sacht und sehr ehrlich seine Reflexionen frei. Welche Rollenmodelle prägen einen, wie überholt sind die einen, und was macht man mit den neuen? Und wie lebt es sich als feministischer Mann vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte von Gewalt, die von kühler Aggression gezeichnet ist? Dem Reflektierenden stellt Helle den Alltag zwischen Dem-Kind-die-Regenhose-Anziehen und der Suche nach einem geeigneten Platz für das Plastiktier «Schildi oder Kröti» in der Wohnung, mit dem die ganze Familie einverstanden ist. Warum «Wellen»? Auch wenn sich der Erzähler immer wieder ans Meer träumt, wiegen nicht nur die Erfahrungsräume ineinander, sondern auch die Sätze in ihrer Musikalität. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
(6 Bewertungen)
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Hund Wolf Schakal

Behzad Karim Khani. Hanser, Berlin, 2022.
Roman
Foto: PD
Saam und Nima flüchteten mit ihrem Vater aus Teheran nach Berlin, die Mutter wurde inmitten der Iranischen Revolution hingerichtet. In Deutschland fährt der Vater Taxi, weigert sich, seine Prothese anzuziehen, nachdem er bei einem Attentat im Iran ein Bein verloren hat, und trauert um seine Frau. Die Söhne geraten auf die Sonnenallee im Neukölln der 90er-Jahre, an der Gewalt, Testosteron und Banden regieren. Während Nima mit Jo zusammen ist, einem Mädchen aus gutbürgerlicher Familie, rutscht Saam immer weiter rein in die Welt, in der erst mit pinken Pullis, später Drogen und dann Schusswaffen gedealt wird. Der Autor möchte kein Sprachrohr eines Milieus sein, nur weil er die Strasse selbst kennt. Zum Glück! Dann wäre es Gangsterkitsch geworden. Aber Momente, wenn die Halbstarken mit Pistolen zu Mister Minit gehen, um sie gravieren zu lassen, sind von einer Situationskomik, die diesen Debütroman weit tragen. Dass Karim Khani bereits Angebote für Verfilmungen auf dem Tisch hat, ist alles andere als überraschend. (zuk)
Leserbewertung
ø 4.5
(6 Bewertungen)
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Zami. Eine neue Schreibweise meines Namens.

Audre Lorde. Aus dem Englischen von Karen Nölle. Hanser, München, 2022.
Autobiografie
Foto: Jack Mitchell
Die US-amerikanische Aktivistin Audre Lorde – Selbstbeschreibung: «black, lesbian, mother, warrior, poet» – ist seit der Publikation ihrer Essays im vergangenen Jahr («Sister Outsider») auch einem breiteren deutschsprachigen Publikum ein Begriff. Nun hat der Hanser-Verlag ihre Autobiografie «Zami» neu übersetzen lassen. Audre Lorde (1934–1992) erzählt darin vom ungeschminkten, offiziellen, allgegenwärtigen Rassismus in den USA der 1930er- bis 1950er-Jahre, von ihrem Kampf gegen die dominante Mutter, von ihrer Selbstfindung als lesbische Frau, Schwarze und Dichterin. Ihre kraftvolle, oft wütende Prosa klingt so: «Ich schluckte meine Wut runter, und sie lag wie ein verfaultes Ei auf halbem Weg zwischen meinem Magen und meiner Kehle. Ich konnte sie sauer im Mund schmecken.» Was heute mit dem Modewort Intersektionalität belegt wird, hat sie erlebt, erkannt und analysiert. Ein Leben im Kampf um Anerkennung – in ihrer Eigenart als vielfache Aussenseiterin, zugleich ist das Buch voller subtiler Beobachtungen über Aggressions- und Ausgrenzungsstrukturen auch in der Subkultur, in den Lesbenbars von New York. (ebl)
Leserbewertung
ø 4.5
(6 Bewertungen)
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Bei Regen in einem Teich schwimmen. Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen.

George Saunders. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Luchterhand, München, 2022.
Sachbuch
Foto: AFP
Daniel Kehlmann hat es «das beste Buch über das Schreiben» genannt. Man kann ihm nach der Lektüre nur zustimmen. George Saunders, selbst ein Grosser der Literatur, hat jahrelang Schreib-Meisterklassen gegeben. Von denen kann durch dieses Buch jetzt jeder profitieren – sogar wenn er selbst gar kein Autor, sondern «nur» ein besserer Leser werden will. Wie haben es Tschechow, Tolstoi, Turgenjew und Gogol gemacht? Das arbeitet Saunders am Beispiel von sieben Erzählungen dieser russischen Giganten heraus. Wie packt man die Leser? Wie interessiert man sie für eine Figur? Wann kann eine Geschichte enden? Welche Schwächen kann man selbst bei diesen Meistern finden? Solchen Fragen geht Saunders nach, immer in einem lockeren, fast plauderigen Ton. Man meint in seiner Meisterklasse zu sitzen und hat die Chance, selbst zum Meister-Leser zu werden. Oder anders gesagt: Diese Lektüre bereichert unsere künftigen Lektüren ungemein! (ebl)
Leserbewertung
ø 4.5
(3 Bewertungen)
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Intimacies

Katie Kitamura. Riverhead Books, 2021. Deutsch: Intimitäten, Hanser, 2022.
Roman
Foto: Zuma Wire
Barack Obama nahm Katie Kitamuras «Intimacies» 2021 auf die Liste seiner Sommerlieblingsbücher. Der vierte Roman der amerikanisch-japanischen Autorin ist aber definitiv auch ein Herbst- und Winterbuch. Nicht nur, weil die namenlose Heldin im Winter von New York nach Den Haag reist, um am Internationalen Gerichtshof als Dolmetscherin zu arbeiten, sondern weil sich die Icherzählerin dort in komplizierte Beziehungen verstrickt, die sie mal wärmen, dann wieder frieren lassen, wenn ein eisiger Wind durch die Löcher der Kommunikation pfeift. Kaum einer spürt das Dräuen des Ungesagten so wie sie, die für einen diktatorischen Verbrecher gegen die Menschlichkeit übersetzen muss. Anstoss fürs Buch sei der Ex-Präsident Liberias gewesen, der die Sprache in seiner Verteidigung eindrucksvoll manipulativ verwendet habe, sagt Kitamura. Ihr grossartig stiller, zugleich spannungsreicher Roman zeigt uns dunkle Zwischenräume der Sprache und intime Falten der Seele einer entwurzelten Professional Woman im globalisierten Arbeits- und Partnermarkt. (ked)
Leserbewertung
ø 3.5
(4 Bewertungen)
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Draussen feiern die Leute

Sven Pfizenmaier. Kein & Aber, Zürich, 2022.
Roman
Foto: Svenja Trierscheid
In einem Dorf in Niedersachsen verschwinden Jugendliche. Flora hat nur ein bisschen Tagebuch hinterlassen, ihre Schwester Jenny sucht sie. Jenny ist eine von vier Figuren, alle Aussenseiter und von der Pubertät gezeichnet und dadurch miteinander verbunden. Zwischen Dorffest und Wodka-Pfirsicheistee (natürlich wird gekotzt, aber auch Haare zurückgehalten) eskaliert die Fantasie des Autors. Eine Figur stattet er mit der Superkraft aus, dass alle Menschen lustlos werden, wenn sie ihr zu nahe kommen, und dass hier eine Eule mit Drogen dealt, ist völlig normal, und eine Grossmutter ist 170 Jahre alt und niemand ist verwundert. Grossartig! Zwischen psychedelischem Krimi und Coming-of-Age-Roman rettet Pfizenmaier mit seinem Debüt das Image des deutschen Dorfromans, in dem viel zu oft Figuren feststellen, dass es zwischen Stadt und Land ach so viele Unterschiede gibt, und dann geläutert vom Dorf in die Stadt zurückkommen. Hier wird originell vom jugendlichen Gefühl zwischen Zukunftsangst und Verlorenheit erzählt. (zuk)
Leserbewertung
ø 3.0
(4 Bewertungen)
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Treue

Hernan Diaz. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser, Berlin, 2022.
Roman
Foto: Jason Fulford
«Trust» heisst der Roman doppelsinnig im Original: Denn es geht um ein Finanzimperium und dessen charismatischen Chef, der es in den 1920er-Jahren in Manhattan aufgebaut hat und sogar von der Weltwirtschaftskrise profitiert. Vieles an den beschriebenen Transaktionen erinnert an die Finanzkrise 2008 (schon damals gab es offenbar Subprime-Papiere), aber die diversen Börsen-Machinationen und Manipulationen des Grosskapitalisten sind nicht das literarische Zentrum des Romans. Sie hängen aber mit diesem zusammen: Denn auch darin geht es um Manipulation (der Wirklichkeit). «Treue» besteht aus vier Büchern: einem kritischen «Roman» über den Finanzimperialisten, aus dessen dilettantischem Versuch, seine Autobiografie zu schreiben, aus Erinnerungen seiner Ghostwriterin an diese Arbeit und schliesslich aus den Tagebuchnotizen der Ehefrau Mildred. Sie wird zur heimlichen Heldin des Ganzen. Von ihrem Mann unterdrückt und, ja, manipuliert, fungiert sie tatsächlich als seine Beraterin, die kreativsten Manöver stammen von ihr. Ein vielschichtiges Werk also, stilistisch variantenreich, vielleicht einen Tick zu konzeptionell – also verkopft. (ebl)
Leserbewertung
ø 3.0
(3 Bewertungen)
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Candy Haus

Jennifer Egan. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2022.
Roman
Foto: Zuma Wire
In «Die Farbe der Erinnerung» beleuchtete Jennifer Egan die Aufbruchstimmung der Jugend in den 70ern. In «Manhattan Beach» konnte man eintauchen ins schillernde Manhattan kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. «Der grössere Teil der Welt» schliesslich, wofür die Autorin den Pulitzer-Preis erhielt, schafft es gar, einen Bogen zu spannen von den Utopien der Hippies in Kalifornien bis zum digitalen Zeitalter und Ground Zero. Ein Superstar der Literatur war geboren – und klar, sind die Erwartungen hoch, wenn Egan nun mit «Candy Haus» gewissermassen die Fortsetzung des ausgezeichneten Romans liefert. Wieder wechseln mit jedem Kapitel Hauptfigur und Erzählstil, wieder sind die Protagonisten lose miteinander verknüpft. Was beim Erfolg von 2012 allerdings noch leichtfüssig daherkommt, wirkt im neuen Buch allzu experimentierfreudig, und so ist man ständig am Nachdenken: Was hat Computercrack Bix, der einen Speicher für menschliche Erinnerung entwickelt hat, genau mit der pubertierenden Molly zu tun, die sich in der Damenumkleide eines Golfclubs ausheult? Wie stehen die zwei zu Joseph Kisarian, dessen Mailwechsel man in einem späteren Kapitel verfolgen kann? Was sollen die 40 Seiten Twitter-Mitteilungen schliesslich, die zuvor bewältigt werden müssen? Jennifer Egan verlangt diesmal, bei aller Liebe, zu viel von der Leserschaft ab. (boe)
Leserbewertung
ø 3.5
(3 Bewertungen)
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Der Anfang von morgen

Jens Liljestrand. Aus dem Schwedischen von Thorsten Alms, Karoline Hippe, Franziska Hüther und Stefanie Werner. S. Fischer, 2022.
Klimathriller
Foto: Fredrik Hjerling
Ganz im Stil von Stephen King, aber mit einem Schuss von skandinavischem Realismus lässt Jens Liljestrand seinen knapp 600-seitigen Pageturner mit Drama, Tempo und einer Panne (das Elektroauto springt nicht an) beginnen. Didrik, seine Frau und die Kinder müssen aus dem ländlichen Schweden vor heftigen Waldbränden in die Stadt flüchten. In den Städten wird zeitgleich alles abgeriegelt, man streitet sich um Wasser und Essen. Dazwischen skandieren Klimaaktivisten ihre Parolen: «Was sollen wir tun? Den Planeten retten! Wann? Jetzt! Wann? Jetzt!» Verlorene Kartonschilder zwischen Unruhen und Plünderungen. «Hitze, Hetze, Hashtags» könnte unter dem Buchtitel stehen. Das Klima ist nicht nur im eigentlichen Sinne viel zu heiss, auch die Debatten in den sozialen Medien sind hitzig und vergiftet. Ja, der Klimathriller von Liljestrand würde auch auf 300 Seiten funktionieren. Aber auch wenn die Figurenzeichnung gar schematisch daherkommt und das Lamentieren der Klimaaktivisten teils nervt, wird man reingezogen in diesen Sog, der vom Zerfallen jeglicher Gewissheiten ausgeht. Stichwort: Doomscrolling. (zuk)
Leserbewertung
ø 2.5
(4 Bewertungen)
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London Rules

Mick Herron. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, Zürich, 2022.
Krimi
Foto: PD
Mit «London Rules», dem fünften Abenteuer seiner «Slow Horses», einer Truppe von ausgemusterten Geheimagentinnen und -agenten, gelang Mick Herron 2017 der Durchbruch in Grossbritannien. Der Erfolg mag einiges mit der politischen Brisanz dieses clever konstruierten Thrillers über eine Terrorzelle ungekannten Ursprungs zu tun haben. «London Rules« ist nebenbei auch ein Kommentar zur frostig gewordenen Stimmung im Vereinigten Königreich nach dem Volksentscheid zum Brexit. Was Mick Herron nicht daran hindert, die verbalen Schlagabtausche zwischen den «Slow Horses« mit einem dreisten Humor zu würzen. Auch vermag er seinem ohnehin schon vertrackten Plot bis zum bitteren Showdown immer wieder unerwartete Wendungen abzugewinnen. So ist «London Rules» das beste unter seinen bisher auf Deutsch erschienenen Büchern. (nj)
Leserbewertung
ø 5.0
(6 Bewertungen)
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The Trees

Percival Everett. Influx Press, 2022. Derzeit nur in Englisch.
Roman
Foto: Alamy Stock Photos
Der Sheriff in Money, Mississippi, hat es scharf erkannt, als er die zwei grausam verunstalteten Leichen vor sich betrachtet: Wir haben es mit einer Art Verbrechen zu tun, sagt er und fügt einige «Lordy!»-Stossgebete an. Dass der afroamerikanische Tote die Hoden des Weissen in der Hand hält, ist schon ziemlich grausig, aber dann wird alles noch verrückter: Der Schwarze verschwindet über Nacht aus dem Leichenhaus – und taucht an einem anderen Tatort wieder auf – wieder neben einem toten Weissen. Es dauert nicht lange, bis sich in Money alle Geistergeschichten erzählen. Mit Gespenstern aus der Vergangenheit hat der Roman von Percival Everett einiges zu tun: 1955 kam es dort zum berüchtigten Lynchmord am 14-jährigen Emmett Till, der von einer weissen Frau beschuldigt worden war, sie angelächelt oder begrapscht zu haben. Diese Gräueltat ist in den USA bekannter als bei uns, aber das schmälert nicht die Leseerfahrung dieses für den Booker Prize nominierten Krimis. Er besteht hauptsächlich aus Dialogen, spielt mit dem Effekt der (ewigen) Wiederholung des Schreckens und verbindet bösen Witz und Horror auf eine Art, dass man nicht mehr weiss, ob man noch lachen soll. Wahrscheinlich schon? (blu)
Leserbewertung
ø 4.5
(3 Bewertungen)
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